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Der Taigan Expedition ins Gebiet Naryn (I) |
So selten, wie bisher Vertreter der Rasse in den Westen gelangt sind, so rar und mitunter widersprüchlich sind auch die Informationen, die sich in der kynologischen Literatur über den kirgisischen Windhund und seine Herkunft finden. Häufig wird der Taigan (oder Tajgan, wie der Name manchmal auch transkribiert wird) immer noch unter die russischen Windhunde eingereiht - in der Vergangenheit war dies insofern richtig, als der Taigan gemeinsam mit dem Barsoi, dem Chortai, dem Tazy und dem Südrussischen Steppenwindhund zu den offiziell anerkannten Windhundrassen der Sowjetunion gehörte. Doch das von Moskau beherrschte sowjetische Imperium zerfiel in der Folge des Putsches gegen Michail Gorbatschow im Jahre 1991, und seitdem ist auch die Heimat des Taigan, die Kirgisische Republik, wie alle ehemaligen Sowjetrepubliken ein unabhängiger Staat. Die Eigenbezeichnung des Landes lautet übrigens „Kyrgyzstan“, während man sich im Deutschen bislang nicht auf eine einheitliche Transkription einigen konnte: Mal ist von „Kirgistan“ die Rede, dann heisst es wieder „Kirgisien“ oder „Kirgisistan“. Alle diese Namen meinen jedoch dasselbe Land, wobei der Begriff „Kirgistan“ der im Lande selber üblichen Aussprache am nächsten kommt. Daher soll diese Bezeichnung auch auf diesen Seiten zur Anwendung kommen.
Die junge Republik, die im Norden an Kasachstan, im Süden an Tadschikistan, im Westen an Usbekistan und im Südosten an China angrenzt, zählt rund fünf Millionen Einwohner und ist mit 198000 Quadratkilometern fast fünfmal so gross wie die Schweiz. Geprägt wird das Landschaftsbild durch die Hochgebirgsketten des Alatau, des Tienshan und des Pamir. Die Durchschnittshöhe des Landes beträgt 2750 Meter über dem Meeresspiegel, und die höchsten Berge, der Pik Pobedy und der Pik Khan Tengri im Osten des Landes, erreichen Höhen von über 7000 Metern. Und auch der zweitgrösste Hochgebirgssee der Welt befindet sich in Kirgistan, der 170 Kilometer lange und 70 Kilometer breite, abflusslose Issyk-Kul. In den Hochtälern (Dschailoo) wird in den Sommermonaten eine halbnomadische Weidewirtschaft betrieben, die in erster Linie auf der Zucht von Schafen und Pferden basiert. Die Bevölkerung Kirgistans, die sich vor allem im Gebiet der Hauptstadt Bishkek (ehemals Frunse) im Norden, im Talas-Tal im Westen sowie im Grenzgebiet zum usbekischen Fergana-Tal konzentriert, besteht zu rund 56 % aus Kirgisen. Die bedeutendsten Minderheiten bilden die Russen mit 19 %, Usbeken mit 13 %, Ukrainer und Tataren mit jeweils 2 % sowie Deutsche mit rund einem Prozent Bevölkerungsanteil. Amtssprache ist das der türkischen Sprachfamilie zugehörige Kirgisisch, und seit 1996 ist auch die russische Sprache wieder offiziell anerkannt. Kamen die nationalen Minderheiten zum grössten Teil erst nach der Eroberung des heutigen Kirgistan durch Russland im Jahre 1876 ins Land, so verliert sich der Ursprung des kirgisischen Volkes im Dunkel der Geschichte. Der Name „Kyrgyz“ bedeutet soviel wie „vierzig Stämme“, und so bezeichneten sich seit dem 16. Jahrhundert unserer Zeitrechnung zahlreiche in Jurten wohnende Nomadenstämme im Süden Sibiriens, in Zentralasien, in Sinkiang und im Pamir als Kirgisen. Völkerkundler nehmen an, dass die heutigen Kirgisen von Nomaden abstammen, die im 9. und 10. Jahrhundert zwischen den Flüssen Jenissej und Orchon im südlichen Sibirien und der Mongolei lebten. Von eindringenden Tungusen wurden sie nach Süden in das Tienshan-Gebirge abgedrängt. Dort gerieten die Kirgisen zeitweilig unter mongolische Herrschaft, danach schlossen sie sich den Kasachen an und nahmen den islamischen Glauben an. Im 17. Jahrhundert wurden sie von einfallenden Kalmücken ins Fergana-Tal vertrieben, später unterstanden sie formell dem chinesischen Kaiserreich, bevor ihre Gebiete zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom Khanat Kokand erobert wurden. Nach der Eroberung Zentralasiens durch das zaristische Russland in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts und der Sowjetisierung Zentralasiens in Folge der Oktoberrevolution erhielt Kirgistan im Jahre 1936 den Status einer Republik innerhalb der UdSSR. Neben der heutigen unabhängigen Kirgisischen Republik leben kirgisische Bevölkerungsgruppen auch in der chinesischen Provinz Sinkiang, im Nordosten Tadschikistans sowie im afghanischen Wachan-Gebiet. Bedingt durch die zahlreichen Wanderungsbewegungen und Eroberungszüge, die im Laufe der Jahrhunderte in Zentralasien stattgefunden haben, dürfte es schwierig sein, dem Ursprung des Taigan auf den Grund zu gehen. Es ist anzunehmen, dass die Kirgisen seit langer Zeit Windhunde besitzen, denn im gesamten zentralasiatischen Umfeld hat die Jagd mit Windhunden und abgerichteten Greifvögeln eine lange Tradition. Eindeutige Beschreibungen des Taigan finden sich jedoch erst in der modernen, d.h. sowjetischen Literatur. So berichtet S.A. Minjuchin in seinem 1964 erschienenen Artikel über den Taigan im Sowjetischen Journal für Jagd und Jagdwesen, dass seit 1938 Körveranstaltungen für Taigane in der Kirgisischen SSR stattfanden, und der bekannte kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow beschreibt in seinem Buch „Kindheit in Kirgisien“ (Unionsverlang, Zürich 1998) eine Fuchsjagd mit Taiganen*, die er Ende der vierziger Jahre in der Region von Talas miterlebt hat.
J.I. Schereschewskij widmet dem Taigan in seinem 1953 in Moskau erschienenen Buch „Die Windhundjagd“ einen Abschnitt und schildert detailliert die verschiedenen Jagdmethoden und Beutetiere. Im Jahre 1964 arbeitete S.A. Minjuchin einen Rassestandard für den Taigan aus, der vom kynologischen Rat der Sowjetunion anerkannt wurde. Zu Zeiten der Sowjetunion genoss die Jagd mit Windhunden eine gewisse staatliche Förderung, da auch die Jäger in den Kolchosen organisiert waren und die Felle ihrer Beutetiere an staatliche Stellen abliefern mussten. Allerdings legte man offenbar keinen großen Wert auf die Pflege der einzelnen Rassen, denn alle Berichte aus dieser Zeit beklagen die grosse Zahl der Einkreuzungen von Tazis und den Rückgang des Bestandes rassetypischer Taigane. Während der politischen und gesellschaftlichen Liberalisierung unter Michail S. Gorbatschow wuchs jedoch auch in der Kirgisischen Sowjetrepublik das Interesse am kulturellen Erbe eigenen Volkes, zu dem unter anderem der Taigan gehört. Im Jahre 1987 begann die Sparte für das Jagdhundewesen im kirgisischen Jagd- und Fischereiverband unter Leitung des Biologen Almaz B. Kurmankulov mit der Sichtung des Bestandes der Rasse und der Registrierung der verbliebenen reinrassigen Taigane. Nach der Unabhängigkeit Kirgistans wurde diese Arbeit fortgesetzt, und am 1. Februar 1996 wurde ein neuer Rassestandard für den Taigan veröffentlicht, der den alten, von 1964 stammenden sowjetischen Standard ersetzt. Im Jahre 2001 wurde schliesslich mit Unterstützung ortsansässiger Geschäftsleute und Jäger die „National Society Kyrgyz Taigan“ gegründet, mit deren Hilfe man die Verbreitung der Rasse im Land weiter fördern möchte. Der Verband führt ein Archiv mit Daten der registrierten Hunde, er organisiert Zuchtschauen und Jagdprüfungen und schliesst Verträge mit den Besitzern von Taiganen ab. Diese verpflichten sich darin, sich auf der Basis einer vom Verband vorgenommenen Zuchtwertschätzung bei der Auswahl von Zuchtpartnern für ihre Tiere beraten zu lassen. Für diese Arbeit hofft man auf die Unterstützung in- und ausländischer Sponsoren. Eine internationale Anerkennung des Taigan ist bislang nicht erfolgt: Zwar gelangten in der Vergangenheit einzelne Exemplare nach Russland, ins Baltikum und nach Finnland, doch in Kirgistan selber existiert bislang keine rasseübergreifende kynologische Dachorganisation, die einen entsprechenden Antrag bei der FCI einreichen könnte. Zudem sind sich die Mitglieder der National Society Kyrgyz Taigan sehr wohl über die Risiken bewusst, die mit einer internationalen Anerkennung ihrer Rasse verbunden wären: Nicht von ungefähr wird immer wieder auf das Beispiel des Afghanischen Windhundes verwiesen, der sich in den Jahrzehnten seiner Zucht in den westlichen Ländern weit von seinem ursprünglichen Erscheinungsbild und Wesen entfernt hat. Eine solche Entwicklung wird für den Taigan ganz klar abgelehnt. Es ist zu hoffen, dass die FCI diesen Wunsch aus dem Ursprungsland respektiert und nicht an den einheimischen Rasseexperten vorbei eine Anerkennung bzw. Vergabe eines Protektorates vornimmt, wie es in der Vergangenheit beispielsweise im Fall des maltesischen Kelb tal-Fenek (Pharaoh Hound) geschehen ist. Hinzu kommt, dass der Taigan durch sein selbst für einen Windhund enorm ausgeprägtes Bewegungsbedürfnis und seinen extremen Freiheitsdrang nicht sehr gut für die Haltung als Haushund geeignet ist. Nicht nur der Respekt vor seiner Rolle als kulturelles Erbe der Kirgisen, sondern auch die Sorge um das Wohlergehen des Taigan spricht also dagegen, aus dieser Rasse einen Mode- und Ausstellungshund zu machen. © Jan Scotland * Der Aitmatow-Übersetzung von Friedrich Hitzer ist auch die auf diesen Seiten verwendete Plural-Form des Namens "Taigan" entnommen, also "Taigane". Dies klingt m.E. eleganter als der gelegentlich in der kynologischen Literatur verwendete Plural "Taigans". Der korrekte Plural im Kirgisischen lautet übrigens "Taigandar", der aber noch einige Sonderfälle kennt; in der Vergangenheitsform kann daraus beispielsweise "Taigandarda" werden. Dies wollte ich dem Leser allerdings nicht unbedingt zumuten. |
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