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Texte Expedition ins Gebiet Naryn (I) |
Mit Hilfe des Kirgisischen Windhundes Taigan jagen die einheimischen Jäger auf Steinwild, Füchse, Tolai (Hasen), Schakale und Wölfe. Generell begleitet der Jäger die Hunde zu Pferde, ohne Deckung. Alle diese Jagden haben viele Gemeinsamkeiten. Immer jagt der Taigan mit Hilfe seiner Schnelligkeit und Wendigkeit. Der Taigan kooperiert sehr gut mit dem Jäger. Er verfolgt das Wild, bis der Jäger herankommt, und er zeigt die Position des Wildes an. Eine häufig gestellte Frage ist, ob man den Hund vor der Jagd füttern soll. Die Kirgisen haben diese Frage nie gestellt, denn sie sind davon überzeugt, dass der Hund sich immer in gutem Futterzustand befinden muss. Der Taigan hat eine hervorragende Fähigkeit, vorteilhafte Plätze für die Ausschau nach Beute zu finden. Er bevorzugt dabei hochgelegene Punkte, die eine weite Aussicht bieten, und er hält sich dort manchmal für 20 bis 25 Minuten auf. In ebenem Gelände springt der Taigan von Zeit zu Zeit in den Sattel des Pferdes, um von dort aus Ausschau nach Beute zu halten. Üblicherweise operiert der Taigan in einer Entfernung von 170 bis 200 Meter zum Jäger. Wenn ein günstiger Wind geht, benutzt der Taigan seinen vorzüglichen Geruchssinn. Währenddessen bewegt sich der Jäger mit konstanter Geschwindigkeit, wobei der dem Hund relativ wenig Aufmerksamkeit widmet. So führt der Taigan eine unabhängige Suche durch, doch zugleich hält er den Kontakt zum Jäger. Wenn der Taigan eine Beute sichtet, schießt er darauf zu und greift an. Wenn der Jäger das Wild zuerst sieht, gibt er dem Hund ein entsprechendes Kommando. Dies kann sowohl durch Zuruf wie auch durch Handzeichen geschehen. Der Taigan versucht immer, das Wild am Hals oder im Nacken zu greifen. Taigane, die zur Wolfsjagd trainiert sind, versuchen vorzugsweise, das Wild durch das Zerreißen der Achillessehnen zu lähmen. Diese Methode zum Neutralisieren der Beute ist auch bei der Jagd auf andere Beutetiere sehr häufig zu beobachten. Doch es gibt auch Ausnahmen. Kleinere Beutetiere werden vom Taigan zumeist ergriffen und hochgehoben. Die Jagd auf Steinwild ist die häufigste jagdliche Verwendung des Taigan. Durch die lange, sorgfältige Zuchtselektion hat der Taigan exzellente Qualitäten für die schwierige Jagd auf dieses Wild. Steinwild lebt in alpinen Regionen, zwischen Felsen und auf Bergwiesen in Höhen von rund 3000 Metern. Während der Futterperiode halten sich die Tiere in der Vegetationszone auf, während der Wintermonate steigen sie jedoch in die Hochgebirgsregionen auf. Die Berge bieten ihnen eine exzellente Deckung und machen die Jagd auf sie zu einer großen Herausforderung für jeden Hund. Nicht so jedoch für den Taigan. Die Jagd auf Steinböcke beginnt am frühen Morgen, wenn die berittenen Jäger aufbrechen. Seine Schnelligkeit, Kraft und Wendigkeit machen es dem Taigan leicht, mit den Reitern mitzuhalten. Doch die Jagd kann auch zu Fuß stattfinden; dann muss sich der Jäger um so mehr auf den Eifer des Hundes verlassen. Der Steinbock klettert typischerweise auf Felsen oder auf andere erhöhte Plätze. Der Taigan bleibt darunter und zeigt dem Jäger den Standort des Wildes an. Während der Taigan die Aufmerksamkeit der Beute auf sich lenkt, kann sich der Jäger aus einer anderen Richtung heranpirschen, um aus möglichst kurzer Distanz zum Schuss zu kommen. Sehr oft treibt der Taigan ganze Herden von Steinböcken hoch, indem er das selbe Manöver anwendet. Manchmal treibt der Taigan dem Jäger auch das Wild zu. Erfahrene Taigane tun dies sehr häufig. Der Taigan ist in der Lage, selbständig zu arbeiten. Wenn der Jäger nicht mithalten kann, arbeitet der Hund völlig unabhängig. Der Taigan zeigt eine große Gewandtheit bei der Suche nach Beute. Wenn er eine Beute lokalisiert hat, bellt er, um den Jäger zu aufmerksam zu machen. Der Taigan ist sehr ausdauernd bei der Verfolgung seiner Beute. Üblicherweise wird er versuchen, vor Einbruch der Dunkelheit zum Erfolg zu kommen. Er verfehlt dabei sein Ziel nur selten. Das Tien Shan-Bergschaf (Argali) wird derzeit nicht bejagt, da es als bedrohte Tierart auf der roten Liste steht. Die Jagd auf das Marco-Polo-Schaf ist nur ausländischen Jagdtouristen gestattet, die dafür mit Devisen bezahlen. Vor diesem Verbot war die Jagd auf das Bergschaf allerdings sehr prestigeträchtig und die Population dieses Tieres war ebenso stark wie die des Tien Shan-Steinbockes. Die Jagd auf das Bergschaf fand ebenfalls zu Pferde statt, manchmal jedoch auch zu Fuß. Der Taigan fing das Wild oder trieb es hoch, entsprechend der gegebenen Situation. Das Bergschaf versucht bevorzugt, in offenes Gelände zu entkommen, da es in felsigem Gelände nicht so wendig ist. Der Taigan greift das Bergschaf an, wobei er bevorzugt versucht, die Muskulatur der Leistengegend oder die Sehnen der Hinterläufe zu verletzen, um die Beute an der weiteren Flucht zu hindern. Dann erwürgt er die Beute. Unerfahrene Hunde versuchen manchmal, ihre Beute zu Fall zu bringen, indem sie sie direkt angreifen. Dies ist jedoch fast immer erfolglos, da das Tien Shan-Bergschaf über 100 kg wiegt und mit einer Geschwindigkeit von 35 bis 45 Stundenkilometer läuft. Ich habe den Fall eines taiganoiden Rüden – ein Mischling eines Taigan mit einem anderen Hund – erlebt, der einem Bock im vollen Lauf an die Gurgel gehen wollte. Nachdem er damit keinen Erfolg hatte, versuchte er weiterhin, den Bock zu attackieren, der seine Flucht aber unbeeindruckt fortsetzte. Der Hund war nicht trainiert genug, um zu wissen, dass ihn nur das Verletzen der Muskulatur oder das Zerreißen der Sehnen seines Opfers zum Erfolg bringen konnte. Hund und Beute verschwanden in der Ferne. Nach offensichtlich erfolgloser Jagd kam der Hund erst einen Tag später zu seinem Herrn zurück. Die Jagd auf Rehwild wird mehr aus sportlichen Motiven ausgeübt. Das Rehwild bevorzugt Plätze, an denen ihm Buschwerk und alpine Wälder Deckung bieten. Dies ist ein sehr anspruchsvolles Gelände, das zerklüftet ist und extreme Steigungen und Gefälle aufweist. Bei der Jagd auf Rehwild setzt der Taigan seinen Gesichtssinn und seinen Geruchssinn ein, zu einem geringeren Grad auch sein Gehör. Das Rehwild kann sehr schnell laufen. Es versucht, seinem Verfolger zu entkommen und sich dann zu verstecken. Der Taigan verfolgt seine Beute auf Sicht. Wenn er sie aus den Augen verliert, verlässt er sich auf seinen Geruchssinn. Der Taigan setzt die Verfolgung fort, bis er seine Beute gefangen hat. Bei Rehwild besteht für den Taigan keine Notwendigkeit, die Muskulatur oder die Sehnen anzugreifen; er kann das Reh aus eigener Kraft zu Fall bringen und es erwürgen. Es liegen Berichte von Jägern vor, die mit dieser waffenlosen Jagdmethode auch in den dichten Wäldern des Baltikums sehr erfolgreich waren. Die Jagd auf den Fuchs wird von den Nomaden auch die „rote Jagd“ genannt. Diese Jagd erfordert Wendigkeit des Hundes, reiterliche Geschicklichkeit, Intuition des Jägers und Zusammenarbeit. Die Fuchsjagd findet am Fuße der Berge statt, wo die Füchse auf Mäusejagd gehen. Die Reiter sind zu Pferde und brechen vor der Morgendämmerung auf. In zerklüftetem Gelände ist die Fuchsjagd besonders anspruchsvoll, aber auch reizvoll. Stellen Sie sich die Faszination vor, über Hügel und durch Schluchten zu reiten, begleitet von einem starken, schnellen und schönen Hund! Der Taigan ist in der Lage, den Fuchs nach einer Strecke von etwa 200 bis 1000 Metern einzuholen; der Durchschnitt liegt etwa bei 300-400 Metern. Ein erfahrener Taigan wird den Fuchs zunächst hochschleudern, bevor er ihn erwürgt. Noch interessanter ist die Jagd mit zwei Taiganen; in diesem Falle schleudert der Hund, der den Fuchs zuerst erreicht, diesen in die Höhe, bevor der andere Hund ihn tötet. Oder die beiden Hunde treiben sich die Beute zu: Beim Versuch, dem ersten Taigan zu entkommen, geht der Fuchs dem zweiten in die Falle. In dickem Buschwerk setzt der Taigan auch auf der Fuchsjagd seinen Geruchssinn ein. In der selben Weise jagt der Taigan auf Schakale. Allerdings ist es wesentlich schwieriger, einen Schakal zu niederzuringen, da er für den Hund ein durchaus ernstzunehmender Gegner ist. Doch auch ein Schakal ist kaum in der Lage, dem Angriff eines starken und erfahrenen Taigan zu widerstehen. Die Jagd auf den Tolai-Hasen wird nur selten mit dem Taigan ausgeübt. Natürlich jagt auch der Taigan gerne auf Hasen. Doch er ist dabei nur selten erfolgreich, da dieses Wild sich fast immer in der Nähe seines Baues oder anderer Deckungsmöglichkeiten aufhält und sich beim geringsten Anzeichen von Gefahr versteckt. Die Jagd auf den Wolf ist ein sehr anspruchsvolles Vorhaben. Der Bergwolf des Tien Shan ist ein starker Gegner, der an Größe und Kraft dem kanadischen Wolf gleichkommt. Typischerweise hat der Wolf ein Gewicht von rund 70 kg und eine Schulterhöhe von 68-72 cm. Die Wolfsjagd erfordert besondere Vorbereitungen. Nur ein Hund mit der notwendigen Stärke, Zähigkeit, Gewandtheit und hervorragender Gesundheit sollte für diesen Zweck ausgewählt werden. Wenn der Hund nicht in einwandfreiem Gesundheitszustand und Kondition ist, sollte man besser von dem Gedanken an eine Wolfsjagd Abstand nehmen. Am besten wird die Jagd auf den Wolf mit einem gut trainierten Rudel von Taiganen ausgeführt, und die Jäger sollten schnelle und geschickte Reiter sein. Die Jagd beginnt am frühen Morgen; bei der ersten Sichtung der Beute beginnt die Verfolgung. Wenn der Taigan den Wolf eingeholt hat, versucht er sofort, die Sehnen an den Hinterläufen seiner Beute zu zerreißen. Dann wartet er auf das Eintreffen des Jägers. Nur selten versucht der Taigan den Wolf zu würgen, bevor der Jäger vor Ort ist. Zumeist wartet er das Eintreffen seines Herrn ab. Die Jagd im Rudel hat besondere Anforderungen: Die Hunde dürfen sich nicht gegenseitig in die Quere kommen, und die Rolle des Leithundes ist sehr wichtig. Wenn die Taigane auf ein Wolfsrudel treffen, müssen sie versuchen, die Wölfe zu trennen. Dies ist sehr wichtig, denn im Winter schließen sich die Wölfe zu Rudeln zusammen und greifen dann ihrerseits an, was sehr gefährlich für die Hunde ist. Es ist sehr schade, einen guten Jagdhund auf diese Weise zu verlieren. Die Zuchtauswahl und das Training von Taiganen für die Wolfsjagd erfordert sehr sorgfältige Planung. In der Zucht muss großer Wert auf ein starkes Gebäude und auf die Größe gelegt werden. Nur die zähesten und durchsetzungsfähigsten Welpen kommen in Frage. Beginnend mit einem Alter von sechs Monaten muss der Hund an den Geruch des Wolfes gewöhnt werden. Abhängig vom Entwicklungsstand des Hundes sollte man zwischen einem Alter von einem halben Jahr und einem Jahr mit dem Training beginnen. Das Training wird unter Anleitung eines erfahrenen Hundes durchgeführt. Zunächst ist es notwendig, den Hund für die Fuchsjagd zu trainieren. Das Training für die Wolfsjagd beginnt erst zwei oder drei Jahre später. Nach längerem Training sollte der junge Hund die Gelegenheit bekommen mitzuerleben, wie ältere Hunde auf Wölfe jagen. Die
Jagd mit dem Taigan ist nicht nur ein Hobby; es ist ein faszinierender
Beruf, mit dem manche Jäger in Kirgistan bis heute ihren Lebensunterhalt
verdienen. In alten Zeiten war die Jagd auf Wildtiere für viele Menschen
die wichtigste Einnahmequelle, und in harten Zeiten haben Taigane viele
Nomadenfamilien vor Hunger und Tod bewahrt. Quelle: National Society Kyrgyz Taigan, 2002 Aus dem Englischen von Jan Scotland |
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